Medienbericht: Stille im Blätterwald

Die Vorlage des ersten Berichts zur Medienlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns hat in den Blättern des Landes kaum Widerhall gefunden. So blieb ein wesentlicher Fehler in der Statistik der Schweriner Regierung unentdeckt und unkommentiert.

Die gut einstündige Debatte des Parlaments im Schweriner Schloss über den ersten Bericht zur Entwicklung der Medienlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern fand zwar erst am frühen Abend, aber noch durchaus rechtzeitig vor Redaktionsschluss statt. Doch stand lediglich im Nordkurier am Mittwoch eine knappe Vorab-Meldung.

Dabei hatten die Agenturen dpa und epd ausführliche Zusammenfassungen geliefert und die Staatskanzlei eine Pressemitteilung abgesetzt. Alle drei Quellen übermittelten dabei den gleichen Irrtum aus dem Bericht: Demnach nähme der Nordosten mit 36 Lokalausgaben von Tageszeitungen einen Spitzenplatz im deutschen Vergleich ein.

Das entsprechende Zitat von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) – „Wir haben Regionalzeitungen, die mit insgesamt 36 Lokalausgaben einen Spitzenplatz in Deutschland einnehmen.“ – gaben alle Berichterstatter ungeprüft weiter.

Doch die Annahme ist falsch, wie ein Blick in die von Medienwissenschaftler Walter J. Schütz erhobenen Daten zeigt. Der auch für die norddeutschen Zeitungsverleger gutachtende Experte zeichnet in seinem jüngsten Beitrag für die Fachzeitschrift Media Perspektiven (9/2009) ein vollkommen anderes Bild:

Rangfolge Bundesland Anzahl Lokalausgaben
1. Nordrhein-Westfalen 378
2. Bayern 246
3. Baden-Württemberg 233
4. Niedersachsen 130
5. Hessen 86
6. Rheinland-Pfalz 68
7. Berlin* 57
8. Sachsen 55
9. Thüringen 47
10. Brandenburg 40
11. Schleswig-Holstein 40
12. Sachsen-Anhalt 37
13. Mecklenburg-Vorpommern 36
14. Bremen* 36
15. Hamburg 14
16. Saarland 12
  Deutschland gesamt 1515
* Es sind in der Zählung Ausgaben inbegriffen, die außerhalb dieses Bundeslandes erscheinen.

Der Lapsus macht nicht nur auf Defizite in der Zusammenstellung des Berichts der Landesregierung aufmerksam, sondern zeigt beispielhaft Probleme in der journalistischen Recherche, die Volker Lilienthal, Journalist und Medienwissenschaftler, auf den Punkt bringt: „Wir verlassen uns als Journalisten viel zu häufig auf Aussagen von Politikern und anderen bestellten Akteuren in Pressekonferenzen zum Beispiel. Wir verzichten auf den Augenschein im Journalismus. Wir waren nicht selbst vor Ort und sind oftmals zu gutgläubig. Also diese unterentwickelte Quellenkritik führt oftmals zu journalistischen Fehlleistungen.“

30. Oktober 2009